Unsere Autorin arbeitet mit Jugendlichen in der Provinz. Sie schreibt über das, von dem die politische und gesellschaftliche Elite ihrer Meinung nach nichts mitbekommt.
Mirijam Günter
„Viel zu früh aus dem Nest gefallen, stolperten wir in eine kalte und einsame Welt“, schreiben ein paar Vierzehnjährige in einer meiner Literaturwerkstätten, die ich seit neunzehn Jahren im deutschsprachigen Raum, überwiegend in der Provinz, anbiete. Viele der jungen Menschen, die mir in meinen Literaturwerkstätten begegnen, putzen und kochen zu Hause, passen auf ihre Geschwister auf, führen Gespräche mit Lehrern und Kindergärtnerinnen. „Hätte ich nur meine Kindergartenzeit mehr genossen“, schreibt ein Dreizehnjähriger.
Die oft alleinerziehenden Mütter arbeiten in der Pflege und im Billigdiscounter und sind völlig erschöpft und überfordert. Väter glänzen, zumindest bei den deutschen Kindern, mit Abwesenheit. Selbst wenn die jungen Leute nicht so viel Verantwortung hätten und Zeit für sich, wo sollten sie hin? Wenn es Jugendzentren gibt, wollen die wenigsten da ihre Freizeit verbringen, am allerwenigsten die ruhigen und schüchternen Teenager. Ich kann es verstehen.
Von all dem bekommt die politische und gesellschaftliche Elite nichts mit. Oder wie ist es zu verstehen, dass der Bundespräsident, der sich einmal im Jahr für ein paar Tage unters Volk mischt, sich darüber freut, dass der Nahverkehr in der Provinz so gut angenommen wird? In Wirklichkeit ist die Bushaltestelle so voller Leute, weil sie der einzige Treffpunkt für junge Leute ist.
Allerdings leben die jungen Leute ja auch nicht abgeschottet in ihrer Welt. Sie sehen schon, dass ihre Altersgenossen sich Bubble Tea kaufen, teure Klamotten haben und dass die Klassenfahrten bei anderen nach Barcelona gehen und die Sommerferien nach Kreta. Für die Betroffenen bedeuten Ferien nur noch mehr Verantwortung. Ich weiß nicht, wie oft ich schon Geburtstage von Kindern in meinen Literaturwerkstätten mitbekommen habe, die keine Geschenke bekamen, nicht mal eine Tafel Schokolade.
Nicht nur Armut und Reichtum spalten unsere Gesellschaft
Da werde ich bei Podiumsdiskussionen ernsthaft gefragt, warum die armen Leute sich nicht zusammentun und für bessere Lebensbedingungen kämpfen. Ich würde den Leuten aus der woken Blase gerne mal sagen, dass sie doch mal für drei Wochen mit einer alleinerziehenden Mutter, die jeden Cent umdrehen muss, tauschen sollten.
Manchmal werde ich an Orte eingeladen, wo in unmittelbarer Nachbarschaft ein Gymnasium ist. Zu Abiturzeiten hängen da manchmal Transparente von Verwandten, die ihre Jugendlichen anfeuern. Ich habe noch nie Durchhalteparolen für Haupt- oder Förderschüler gesehen. Warum gibt es keine Transparente, auf denen steht: Evelyn, auch wenn die Schule immer genervt hat, herzlichen Glückwunsch fürs Durchhalten, oder Mohamed, trotz des ganzen Stresses mit den Lehrern herzlichen Glückwunsch zum Abschluss der Klasse 10 B?
Nicht nur die Armut und der Reichtum spalten unsere Gesellschaft.
In einer Kleinstadt stehe ich verträumt am Bahnsteig und warte auf den Zug. Als ich aus meiner Träumerei erwache, merke ich, dass sich an beiden Seiten von mir Gruppen gebildet haben. Auf der einen Seite Männer mit Glatze und Springerstiefeln in T-Shirts mit Sprüchen wie „braun – auch ohne Sonne“. Sie beachten mich mit meiner dunklen Hautfarbe und meinen schwarzen Locken glücklicherweise nicht. Wer mich beobachtet, ist die arabische Großfamilie auf der anderen Seite. Die Mädchen sind, obwohl noch Kinder, voll verschleiert. Die Familie schaut mich hasserfüllt an. Die Worte, die sie mir entgegenschleudern, sind keine Lobeshymnen auf meine transparente Hose und mein durchsichtiges T-Shirt. Ich ziehe mich zurück und beobachte die beiden Gruppen. Ob sie wissen, dass sie Gemeinsamkeiten haben?
Das Misstrauen der strenggläubigen Muslime gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft ist enorm. Darunter leiden vor allem muslimische Mädchen. Ihnen ist alles verboten, was irgendwie geht. Vielleicht bietet die Schule etwas Erholung an? Pustekuchen, wenn du Pech hast, hat die Schule strenggläubiges muslimisches Personal, das die Mädchen dazu anhält, das Kopftuch richtig anzuziehen und nur ja den Ramadan zu beachten.
Menschen, die in Armut leben, fühlen sich ausgeschlossen
Bei den Spaziergängen mit den Teilnehmern meiner Literaturwerkstätten werden diese Mädchen immer angehalten und von anderen Muslimen gefragt, wo wir hingehen, was wir machen. Man kann das als Verantwortung sehen oder als totale Kontrolle. Den Mädchen ist wichtig, immer wieder zu wiederholen, dass sie freiwillig das Kopftuch tragen und am Ramadan teilnehmen. Wäre mal interessant zu erfahren, was passieren würde, wenn eine das Kopftuch auszieht und nicht den Ramadan einhält. Wie oft ich schon Mädchen getroffen habe, die sich in der Schule streng muslimisch gaben und nachmittags in der Stadt ohne Kopftuch mit ihrer Clique unterwegs waren.
Es gibt auch die andere Seite. Es gibt den krassen Rassismus, den ich selbst abbekomme. Im Sommer laufe ich gerne mal mit Blumenkleidern rum, keine gute Idee mit meinen schwarzen Locken und meiner dunklen Hautfarbe, auch nicht im toleranten Köln. Mehrfach wollten mich Leute aus ihren Läden schmeißen; nur mein Journalistenausweis verhinderte das manchmal – sofern man ihn überhaupt als solchen anerkannte. Ein Bundespolizist behauptete, er sei nicht echt. In einem Laden frage ich, warum sie mich rausschmeißen wollen: Na, wer sich wie ein Zigeuner anzieht, wird auch wie einer behandelt.
Auch die Ausbildungssuche mit einem arabischen Namen kann selbst in ach so toleranten Großstädten ein Problem werden. In Köln versucht ein junger Mann, eine Ausbildung im Handwerk zu bekommen. Er schreibt Hunderte Bewerbungen und bekommt noch nicht mal eine Absage. Die Wohnungssuche gerade in den Ballungsräumen? Lernen Sie den örtlichen Dialekt und geben Sie sich als Florian Schmitz aus. Vielleicht werden Sie dann zu einer Besichtigung eingeladen. Wer sich ausgeschlossen fühlt, schottet sich ab. Und so sieht man nur wenige gemischte Gruppen.
Menschen, die in Armut leben, fühlen sich gesellschaftlich ausgeschlossen und von der Politik im Stich gelassen. Bei Wahlen bilden die Nichtwähler meist die größte Wählergruppe. Und die Jugendlichen? Politik in den Schulen? Fehlanzeige. „Die trauen sich nicht, mit uns über Politik zu reden“, berichtet mir ein Junge. Wählen Gehen ist für sie was Abstraktes. Vielleicht wäre es mal gut, wenn Politiker mit den Jugendlichen reden?
Manchmal werden sie ehrlich, wenn sie betrunken sind
Einige aus meiner Literaturwerkstatt in Ostdeutschland werden noch vor den Landtagswahlen sechzehn und dürfen wählen. Ob sie das wollen? Eher nicht, so die Antwort. Vielleicht kann ja ein Besuch im Landtag helfen? Wir treffen uns mit einer Ministerin, die auf Augenhöhe mit den Teenagern spricht. Dann dürfen wir uns eine Sitzung im Plenarsaal in Schwerin anschauen. Die Jugendlichen sind entsetzt darüber, wie die Erwachsenen sich dort benehmen. Sie schreien sich an, fallen sich gegenseitig ins Wort und Beleidigungen fallen auch. „Alles, was die uns verbieten, machen sie selbst!“ Was sie wählen, wissen sie immer noch nicht, aber immerhin, sie denken darüber nach.
„Kannst du uns sagen, was die Parteien so wollen?“, fragen sie mich. Wie so oft muss ich Fragen dieser Art beantworten, weil Schulen und Elternhäuser es nicht machen. Wie soll ich in einer Viertelstunde erklären, was die einzelnen Parteien wollen? Ich gebe mein Bestes. Vielleicht sollte ich doch noch Lehrer werden? Oder lieber gleich Professor? Von meiner Biografie her, als jemand, der es von der Unterschicht nach oben geschafft hat, bin ich ein typischer SPD-Wähler. Von einer SPD, die es nicht mehr gibt.
Lehrer werde ich nicht, und Professor – was bilde ich mir eigentlich ein? Ich sollte doch froh sein, dass ich als ehemalige Hauptschülerin und Heimkind so weit gekommen bin. Ich sollte dankbar sein für das, was ich erreicht habe. Wenn man wie ich aus der Unterschicht kommt und an politischen oder gesellschaftlichen Treffen teilnimmt, merkt man schon, wie elitär sich die Menschen da teilweise verhalten. Sie leben in einer Blase, die mit der Lebenswirklichkeit des Rests der Gesellschaft nichts zu tun hat. Manchmal werden sie ehrlich, wenn sie betrunken sind.
Dann wollen sie, dass die Sauna noch teurer wird, damit sie unter sich bleiben, dass das Flüchtlingsheim nicht ihrer Nähe gebaut wird, weil ja dann der Wert des Viertels sinkt. Und die Kinder von Flüchtlingen und den einfachen Leuten sollen auch nicht neben dem eigenen Nachwuchs sitzen. Ansonsten zieht es die Blase vor, in den sozialen Medien, Podcasts oder in Talkshows ihre Meinungen kundzutun, und jeden, der anders denkt, stellen sie öffentlich als dumm dar.
Wenn ich mich nicht vertreten fühle, mache ich nicht mit
Und weil die politische und gesellschaftliche Elite weiß, was für den normalen Bürger gut ist, macht man lieber keinen Bürgerentscheid darüber, ob ein neues Einkaufszentrum gebaut wird. Und wenn es sportliche Großereignisse gibt, auf die sich der „Normalo“ (ein Begriff, den die Elite abwertend für die Menschen benutzt, die nicht ihrer Schicht angehören) freut, pöbelt man dagegen an, in einem Ton, den man allen anderen verbietet. Die man für dumm und einfältig, naiv oder rechts hält, wohnen ja nicht in unmittelbarer Nachbarschaft der Eliten, sondern draußen, wo sie sich die Mieten noch leisten können.
Zwei Wochen vor den Wahlen bequemt sich dann eine bürgerliche, wohlsituierte Linke dorthin und versucht, den Leuten klarzumachen, was sie zu wählen haben. Machen die aber unverschämterweise meistens nicht. Die Nichtwähler und auch andere fühlen sich nicht vertreten. Wer setzt sich für sie ein, beschützt sie, versteht sie? In den Medien, in der Politik, in den Gewerkschaften? Wenn ich mich nicht vertreten fühle, mache ich nicht mit, so einfach ist das. Da würde soziale Gerechtigkeit beginnen. Bis wir die erreicht haben, müssen wir wohl noch ein paar meditative Rosenkränze beten und im Kommunistischen Manifest blättern.
