Mirijam Günter für „Draussenseiter“ (12/2020)

Meine liebe Céline, mein geliebtes Kind

Auch in diesem Jahr bist Du Heiligabend im Kinderheim. steh bitte nicht wieder am geschlossenen Fenster und schaue den anderen Kindern zu, wie sie an Weihnachten von ihren eltern, Großeltern und tanten nach Hause geholt werden. Wenn Du aus dem Fenster schaust, wird Dich ein Gefühl des Verlassenseins überkommen, welches Dich nie wieder loslassen wird. Vom Fenster weggehen!

Du wirst diesen schmerz am Fenster spüren und den satz verinnerlichen: ich habe alle verloren, die ich geliebt habe. Du weißt, dieser satz wird Dich in Deinem Leben für immer verfolgen. Also: Bleib vom Fenster weg!

Betritt in Deinen jungen Jahren nicht die Hölle, weil Du sie in Deinem Leben nicht mehr verlassen wirst.

Weiter weiß ich, dass Du es noch nicht benennen kannst, aber es ist für Dich ein unangenehmes Gefühl, wenn Du aus dem urlaub kommst und Deine sommerbräune mit der Deiner spielkameraden verglichen wird, „fast wie aus Afrika“, kommentieren die erwachsenen Deine Bräune und grapschen in Deine Locken, was Dir fürchterlich weh tut, Du aber nichts dazu sagst. Wehr Dich, Kind, sonst wird Dich das schweigen Deinen Lebtag verfolgen.

Du musst stärker sein als andere Kinder! Lerne es früh, denn auch das wird Dich ein Leben lang begleiten, dass Du immer mehr kämpfen musst als andere.

schweige nicht, wenn sie Dich in den türkischen unterricht setzen, obwohl Du gar kein türkisch kannst. Du darfst nicht verstummen, weil Du traurig bist, auch die trauer wird Dich nie wieder verlassen. Du hast es ja

längst erfahren: Deine Klassenkameraden werden Dich nie zu ihrem Kindergeburtstag einladen, weil sie Dich seltsam finden, und wenn Du doch mal in einem Kinderzimmer stehen solltest, dann musst Du wissen, dass die eltern Dich aus Mitleid eingeladen haben. Gehe niemals dorthin, komm zurecht damit, dass die Leute Dich seltsam finden. es ist Dein Fluch und Dein segen.

sie verachten Deinen Gott, weil er der einzige ist, der zu Dir hält. Wenn Du doch einmal einen Freund gefunden hast, so wirst Du Dich für immer fragen, wann er Dich verlassen wird. Oder was er eigentlich von Dir will. Wer einmal, so wie Du, in jungen Jahren verraten wurde, wird nie wieder vertrauen können. Man kann Dich also nicht enttäuschen.

Gib Dich keinen träumen hin, sie werden bei Dir zu Albträumen, die Du nie mehr abschütteln kannst.

Wünsche Dir keinen Vater zu Weihnachten. Darüber schüt- teln die erwachsenen nur den Kopf. Wünsch Dir ein fern- gesteuertes Auto, das verstehen die Großen besser.

erbete Dir den Vater auch nicht heimlich. Wünsche Dir gar nichts, lasse es sein, Dir in Deinem Leben sachen zu wünschen, mach die Götter nicht aufmerksam auf Dich. Denn wenn die Götter Dich finden, weil Du sie nicht in ruhe lässt, dann werden sie sich an Dir rächen und Dir Deine Wünsche erfüllen.

ich hoffe, ich habe Dir mit diesem Brief Deinen Weg etwas einfacher gemacht. Bleibe ein Kind Gottes!

NIE WIEDER SCHWEIGEN, CELINE

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