Gibt es denn gar keine frohen Botschaften mehr? Doch, sagen die Schriftstellerin Mirijam Günter und der Kölner Domkapitular Dominik Meiering und erzählen von überraschenden Begegnungen
Von Mirijam Günter

Manchmal denke ich: „Da hast Du aber Glück gehabt!“ Denn vieles im Leben kann man sich ja gar nicht aussuchen, das passiert einfach. Das fängt mit der Geburt an. Da landen wir auf dem Boden der Tatsachen. Wir werden automatisch in eine bestimmte Familie, eine Umwelt, eine Zeit, an einen bestimmten Ort geworfen. Hat sich keiner ausgesucht. Da kannst Du Glück haben und um Dich drum herum ist Frieden, Freude, Eierkuchen. Aber es kann auch sein, dass vom ersten Augenblick Deines Lebens nichts als Herausforderungen auf Dich warten.

Die Geburt Jesu war auch nicht gerade ideal. Geboren in einem Stall, weil im Krankenhaus kein Platz war. Die Eltern unverheiratet, die Schwangerschaft überraschend. Und dann wurde die Familie auch zu Flüchtenden, sie mussten dem mordhungrigen König Herodes entfliehen. Aber man könnte auch sagen: Dieser Jesus hat Glück gehabt. Das hat er selbst so gesehen. Nämlich, dass er einen Vater im Himmel hat, der voll mächtig ist und alles kann. Ihn selbst aus dem tiefsten Dunkel des Todes wieder ans Licht bringen. Einer, der – selbst wenn alles nur düster erscheint – das Licht in der Finsternis entdeckt.

Unerwartet tolle Menschen getroffen

Und heute? Dunkel ist es um diese Jahreszeit auch, kalt sowieso, und Sorgen muss man sich auch machen, hat man doch das Gefühl, die Welt sei aus den Fugen geraten und die Gesellschaft so gespalten wie nie. Gibt es denn gar keine frohen Botschaften mehr? Die Zeit der vierblättrigen Kleeblätter ist vorbei. Einen hellen Stern am Horizont suchen wir vergebens.

Aber wir haben völlig unerwartet tolle Menschen getroffen, die ein unvergessliches Glück gebracht haben. Mit meiner Literaturwerkstatt mache ich einen Ausflug zu einer Sommerrodelbahn. Fünfzig Euro haben wir zu neunt zur Verfügung. Das Geld liegt draußen auf dem Tisch. Da ich erwachsen bin, muss ich den vollen Tarif bezahlen, aber die Kinder bestehen darauf, dass ich mitfahre. Wer mit Kindern zu tun hat, weiß, dass Geld verdunstet. Der Geldstapel auf dem Tisch wird immer kleiner, schon ist nicht mehr für alle eine Fahrt drin. Wir überlegen, was wir tun sollen. Da steht eine wildfremde Frau, der man ansieht, dass sie ihr Leben lang geschuftet hat, vom Nachbartisch auf und legt uns zwanzig Euro auf den Tisch. „Ich finde Euch als Gruppe so toll, das muss ich mal unterstützen!“

Hilfsbereit wie eh und je

Wer genau hinschaut, kann Glücksgeschichten ohne Ende entdecken. In einer meiner Pfarrgemeinden gab es eine ganz großartige, sehr engagierte und rüstige Rentnerin, die sich für nichts zu schade war und anpackte, wo sie konnte. Eine freundliche, gewinnende, hilfsbereite Frau. Nicht zu begreifen, dass das gerade ihr passieren musste. Mitten in der Kölner Innenstadt kam sie mit dem Fahrrad unter die Räder eines Lkw.

Aber: Oh Wunder! Sie überlebte das schwere Unglück. Der Lkw-Fahrer hat angehalten, als ihr Bein unter dem Reifen war. Das hat sie gerettet. Heute sitzt sie mit amputiertem Bein im Rollstuhl und ist immer noch genauso fröhlich, heiter und hilfsbereit, wie sie es damals war. Ich werde nie vergessen, was sie mir sagte, als ich sie kurz nach dem Verlust des Beines besuchte: „Ich habe wirklich Glück gehabt! Und ich bin froh und dankbar!“ Es scheint eben doch sehr darauf anzukommen, wie man auf die Dinge schaut.

Der Herbergsvater spricht

In den Anfangszeiten meiner Literaturwerkstätten landete ich in Oestrich bei Letmathe. In einer Pension, die noch Fremdenzimmer vermietet. Ich bekam meinen Zimmerschlüssel, stellte meinen Koffer ins Zimmer und ging zur nächsten Tankstelle. Auf dem Rückweg bemerkte ich, dass ich den Zimmerschlüssel vergessen hatte. Also musste ich durch die Kneipe, um in mein Zimmer zu kommen. „Komm doch zu uns“, rief der Herbergsvater.

Brav wie ich war, setzte ich mich an den Tresen und trank frisch gezapftes, ehrliches Pils und aß eine Frikadelle, von der man satt wurde. Jeden Abend saß ich da. Ich kam noch mal wieder, die Förderschule wollte, dass ich eine Schülerzeitungsgruppe in der Schule anbot. „Wann kommst Du denn das nächste Mal?“, fragte mich Klaus Denniger, der Herbergsvater. „Ich befürchte gar nicht, es gibt kein Geld für die Übernachtung für mich.“ „Ich möchte kein Geld von Dir!“

Über zehn Jahre ließ mich das Ehepaar Denniger kostenlos in seiner Pension übernachten, und so konnte jedes Jahr eine Schülerzeitung entstehen. Klaus Denniger backte Torten für die Kinder, kochte deftige Gerichte und gab uns immer wieder Heimat. Kann bitte diesem Engel jemand Flügel verleihen?

Auch Briefe von Engeln erreichen mich: „Danke für die Spiele und die Literatur. Bleib bitte, wie Du bist, egal, wer was sagt,“ schreibt mir ein Junge zum Abschied einer Literaturwerkstatt in einer Jugendarrest-anstalt. „Mirijam, Deine Geschichten haben eine angenehme Wärme, fast wie Kakao. Wenn Du erzählst, wird es still im Raum und man bekommt Lust, selbst Geschichten zu schreiben“, sagt mir ein Mädchen am letzten Tag einer Literaturwerkstatt im Norden.

Wer ist dein schützender Engel?

Bei all der Miesepetrigkeit, der Heilige Abend ist da. Dominik Meiering wird in den Heiligen Messen von unserer Freude über dieses Kind predigen, während Mirijam Günter in einer vollen Kneipe die Leute fragt:

Was ist der Unterschied zwischen Dir und diesem Kind?

Welche Emotionen hat das Glück?

Wer ist Dein schützender Engel?

Und unsere Christenfreude verjagt die Heidenangst, die auch uns manchmal überkommt. Aber da ist unsere Hoffnung, dieses Kind, Jesus, gehasst und verfolgt von den Mächtigen, es hat kein Obdach und es ist ohne gültige Papiere; gepriesen von armen Viehhütern, erhellt dieses Baby die Welt.

Willkommen, Du Kind!

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