Von Mirijam Günter

11.09.2023, FAZ, Webversion

Es wird viel über Menschen diskutiert, die sich abgehängt fühlen und nicht zur Wahl gehen. Doch mit jenen, die kaum eine Chance auf sozialen Aufstieg haben, wird nicht geredet. Ein Gastbeitrag.

In einer Kleinstadt im Norden des Landes treffe ich mich nach einer Literaturwerkstatt für benachteiligte junge Menschen mit ein paar der Jungs in der Stadt. Sie zeigen mir sanierte Häuser, die nicht für sie gebaut worden sind. Die Dreizehnjährigen überlegen, wo sie später hinziehen müssen, um eine bezahlbare Wohnung zu finden. Hierzubleiben halten sie für ausgeschlossen. Das Fischbrötchen, das ich spendieren möchte, kostet mehr als sieben Euro, der Cappuccino, den ich am nächsten Tag im Pappbecher den Mädchen ausgebe, kostet mehr als vier Euro.

Die Mädchen erzählen mir von ihren Eltern, die schuften und schuften, und dass trotzdem nichts übrig bleibt. Sie erzählen mir von ihren Reiseträumen, aber auch, dass es in der Realität nicht mal für einen Campingurlaub reicht. Die Stadt sei teuer, wird mir erklärt, weil sie bei Touristen beliebt ist. Ein paar Wochen später beiße ich in einer nicht so beliebten kleinen Stadt abermals in ein Fischbrötchen, am Preis hat sich nichts geändert. Die Kinder aus der Literaturwerkstatt erzählen mir von den Ängsten ihrer Eltern, alles nicht mehr bezahlen zu können, von ihrer Furcht, dass das Leben komplett aus den Fugen geraten wird. Sie berichten mir, dass sie im Winter in ihren Wohnungen gefroren haben und oft auf eine warme Dusche verzichten mussten.

Eine Mutter sagt: „Ich werde ganz gewiss nicht einen von denen wählen! Die haben überhaupt keine Ahnung von unserem Leben! Und dann schreiben die Politbonzen uns noch vor, wie wir zu leben und zu essen haben, und geben uns Ratschläge, wie wir sparen können. Als wenn wir das nicht selbst am besten wüssten.“ Ein Vater, der das Gespräch mitbekommen hat, gesellt sich zu uns: „Ich wähle niemals. Zu Corona haben die uns alle im Stich gelassen. Die wollen gar nicht, dass wir wählen. Gott sei Dank verstehe ich von den Politikern eh nicht viel, die sprechen eine andere Sprache als wir.“ Stimmt das denn?

Dieser Besuch war kein Einzelfall

Mit Förderschülern bin ich im Landtag eingeladen. Ich hatte darum gebeten, bei der Führung eine verständliche Sprache zu wählen. Das wäre eine Selbstverständlichkeit, lautete die Antwort. Aber weder die Dame, die uns den Landtag zeigt, noch der Abgeordnete sind in der Lage, so zu sprechen, dass die Schüler etwas verstehen. Als ich mehrfach Fremdwörter des Abgeordneten übersetze, schafft er es nicht, seine Sprache verständlicher zu machen. Wir packen die Süßigkeiten, die uns geschenkt wurden, ein und verlassen das Gebäude. Irgendwann sagt ein Junge in die Stille: „Ich glaube, ich strenge mich in der Schule mehr an!“ Soll mal einer sagen, ein Besuch im Landtag lohne sich nicht.

Der unverständliche Besuch war kein Einzelfall, manchmal fällt der Elite auf, dass sie den Kontakt zu einigen Leuten verloren hat. Gerne werde ich dann aufgesucht. Dann stellt man mir die Fragen, die man eigentlich den Betroffenen stellen will, aber nicht kann, weil man vergessen hat, wie die normalen Menschen, über die man schreibt oder forscht, sprechen. Ich nehme dann die Fragen der klugen Leute mit und erkläre den Menschen in meinen Literaturwerkstätten, dass marginalisiert nichts mit Magnesium zu tun hat. Manchmal bekommen wir akademischen Besuch, und die Jugendlichen stellen fest, dass es eine Sprache in Deutschland gibt, die sich Deutsch nennt, die sie aber nicht verstehen.

In einer Förderschule gibt es zum Abschluss einer Literaturwerkstatt eine Präsentation. Die Schüler sagen ein Gedicht auf. Jeder zwei Zeilen. Es hat die Kinder Mühe gekostet, und sie sind stolz. Der örtlichen Zeitung ist das eine kurze Notiz wert, dem Anbau am örtlichen Gymnasium widmet sie über eine halbe Seite.

Wieso sollte ich mich einbringen?

In die Provinz verschlägt es mich kurz vor den Sommerferien. Die Teilnehmer meiner Literaturwerkstatt haben Angst vor sechswöchiger Langeweile. Oben in der Siedlung, wo sich die Eltern die Miete gerade noch leisten können, gibt es so gut wie keine Angebote für die Kinder. Ich gehe mit den Kindern in die Stadt, wo gerade eine Kirmes aufgebaut wird. Ohne dass ich was sage, erklären die Kinder mir, dass sie nicht auf die Kirmes gehen, weil sie langweilig sei. Logisch ohne Geld. Es gibt nicht nur in den Ferien kein Geld für die Kirmes, für einen Eisbecher im Café, kein Ticket für die Bahn (das Deutschlandticket ist für die Familien nicht erschwinglich), nichts. Das Einzige, was es im Überfluss gibt, sind Drogen, wie mir an fast allen Orten, an denen ich bin, die Teilnehmer berichten, und dass sie Angst vor ihnen haben. Es gibt Kinder in vergessenen, abgehängten Stadtteilen in Köln, die noch nie den Kölner Dom gesehen haben.

In meiner Literaturwerkstatt geht es im Frühjahr lustig zu. Ein Junge macht Witze, und ich drohe ihm: Noch so ein Witz und ich hole die Polizei. Da wird der vierzehnjährige dunkelhäutige Junge ganz still und sagt: „Bitte nicht, ich hab fürchterliche Angst vor denen.“ Eine junge Frau mit türkischem Namen schildert, wie sie vergeblich nach einem Ausbildungsplatz gesucht hat, in einem Beruf, der angeblich händeringend Nachwuchs sucht. Junge Erwachsene erzählen mir von Kontrollen in Bahnhöfen und auf Plätzen. Das kann ich als dunkelhäutige Person nur bestätigen. Cafébesitzer und Kioskbetreiber mit türkischen oder arabischen Wurzeln beschreiben behördliche Schikanen, migrantische Jugendliche berichten mir von den verzweifelten Versuchen ihrer Eltern, eine neue Wohnung zu finden. Gegen diese Art von Rassismus helfen keine Gesetze. Wie will man das denn nachweisen? Wenn ich aber von staatlichen Behörden und der weißen Mehrheitsgesellschaft zu spüren bekomme, dass ich nicht hierhergehöre, wieso sollte ich mich einbringen und sogar wählen gehen? Und so kommt es, dass ich am Kölner Rosenmontagszug stehe und ein fast komplett weißer Zug an mir vorbeizieht.

Als dunkelhäutiger Mensch habe ich das Jahr 2015 nachhaltig in Erinnerung. Erst steckten mir die Leute ungefragt Geld zu und fragten mich: „Ich dir helfen können?“ Ein halbes Jahr später rotzten sie mir vor die Füße und beschimpften mich als Kanaken, der nach Hause gehen solle. Aber es gibt auch Hoffnung. Im Sommer ging ich mit Kindern auf eine Sommerrodelbahn. Ich habe fünfzig Euro auf den Tisch gelegt, die wir ausgeben konnten. Als alle Kinder rodeln waren, kam eine Frau an meinen Tisch, der man ansah, dass sie körperlich arbeitete. Sie möchte wissen, was wir für eine lustige Gruppe sind und ob ich Sozialarbeiterin bin. „Nö“, gebe ich zur Antwort, „ich habe irgendwann in meinem Leben beschlossen, dass ich selbst entscheiden kann, mit wem ich meine Freizeit verbringe.“ Als die Kinder wiederkamen und das Geld zählten, das noch übrig war, kam die Frau nochmals an unseren Tisch und legt uns zehn Euro hin, „für euren Ausflug“.

Mirijam Günter lebt als Autorin in Köln und Neustrelitz. Sie leitet Literaturwerkstätten in Jugend­gefängnissen sowie an Förder- und Hauptschulen.

Quelle: F.A.Z.

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