Die Armen sind die Hauptbetroffenen in der Coronakrise. Die jungen Leute in meinen Literaturwerkstätten dürfen schon wieder nicht in die Schule gehen. Das Lernprogramm, welches ihnen von den Schulen mitgegeben wird, ist nicht wirklich eins, wie mir mehrere Lehrer quer durch die Republik berichten.

Für die Aufgaben müssten größtenteils Rechner und Drucker vorhanden sein, eher selten anzutreffen bei ärmeren Schüler*innen zu Hause. Der Ausfall der Schule bedeutet für die Familien, die eh schon am Limit leben, eine weitere Katastrophe, fällt doch das kostenlose Schulessen weg.

Das hat verheerende Folgen, wie mir z.B. eine Leh- rerin aus Niedersachsen berichtet, die einen Hilferuf ihres Schülers bekam, der mit seinen drei Geschwistern in einer Risikofamilie lebt. Für den Rest des Monats hatte die Familie noch acht Euro übrig. In diesem konkreten Fall half die Lehrerin aus, wer hat schon so ein Glück?

Da die Schule nicht stattfindet, hängen die jungen Menschen mit Kumpels draußen herum und fürchten sich, dass wieder eine komplette Ausgangssperre kommt, denn dann müssten sie mit ihren Geschwistern, mit denen sie sich meist ein Zimmer teilen müssen, in der Wohnung hocken. Ein Einzelzimmer gehört nicht zu den Privilegien der Unterschicht- kinder. Wie sollen Kinder unter solchen Voraussetzungen bitte in Ruhe lernen?

Bildungsungerechtigkeit und soziale Not kommen bei der Coronakrise drastisch zum Vorschein. Wer kann es denn den jungen Menschen verdenken, dass sie sich draußen treffen? Einzelunterricht können sich die Eltern nicht leisten. Für das digitale Lernen haben die meisten Schüler*innen zu Hause nicht das Know-how und die Eltern können oft nicht beim Lernen helfen. Außerdem fehlt zu Hause auch der Platz und die Ruhe. Da ziehen es doch viele vor, draußen, sogar jetzt in der Kälte, herumzuhängen.

Während sich einige Jugendliche also nach draußen begeben, schuften die Eltern im Niedriglohnsektor, um zum Dank nach Feierabend in den ersten Wochen

der Krise vor leeren Regalen im Supermarkt zu stehen. Für die angesagten Hamsterkäufe fehlte schlicht das Geld und die Zeit.

Bis heute dürfen sie sich dann abends vor dem Fern- seher Reden von Politiker*innen und Prominenten anhören, die in völlig anderen Welten leben und die von dem Leben dieser Menschen keine Ahnung haben. Diese fernen Welten rufen dann zur allgemeinen Zurückhaltung auf, dass man sich von Leuten fernzuhalten habe und besonders auf Hygiene achten soll.

Schöne Reden für Leute, die genug Wohnraum ha- ben, mit dem Auto zur Arbeit fahren, nicht in beengten Verhältnissen leben und auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind.

Schöne Reden mit immer aggressiverem Beiklang, um die Leute zum Beispiel zum Homeoffice zu überreden. Supermarktkassen lassen sich nicht im Home- office bedienen und Pflegehilfskräfte müssen vor Ort sein. Wie wäre es mal in diesen Berufszweigen mit der Aufstockung des Lohnes bzw. kostenlosem Taxiservice?

Es findet eine immer heftigere Verrohung der Spra- che statt. Von Appellen ist nicht mehr die Rede. „Brutalstmöglich“, „mit aller Härte“, „kein Erbarmen“ sind Begrifflichkeiten, die immer wieder auftauchen, wenn irgendwas nicht so läuft, wie es die Elite in ihren fernen Welten sich so wünscht.

Oder Prominente, die Menschen beschimpfen, die sich ihrer Meinung nach nicht zügeln wollen. In den ersten Wintertagen sind viele Großstadtfamilien mit ihren Kinder in den Schnee gefahren. Entnervt von ihren Wohnungen, mit ihren Kindern, die nicht zur Schule dürfen, sie selbst im Homeoffice oder in nervenaufreibenden Jobs, haben sie sich dazu entschlossen, statt sich am Wochenende auf dem Sofa zu erholen, mit ihren Kinder oder auch allein in den Schnee zu fahren. In den Schnee!

Wenn man sich danach die Berichterstattung, aber auch die Äußerungen einiger Politiker*innen oder Prominenter anhörte, hatte man den Eindruck, die Eltern hätten mit ihren Kinder eine Koksparty veranstaltet. Der Ruf nach immer repressiveren Regeln, die der Staat aufstellen soll, teils auch von Leuten, die diesen mal abschaffen wollten, ist furchteinflössend. Wer soll das denn durchsetzen? Ist nicht jetzt schon so viel Polizei und Ordnungsamt unterwegs, dass man sich nicht mehr beschützt vorkommt, sondern mulmige Gefühle hat? Wissen denn die Leute, die da schreien, nicht, dass die immer härteren Regeln in erster Linie die Ärmsten der Armen treffen?

Auch die Verlängerung der zweiten Lockdownwelle wird die Ärmsten wieder härter treffen, mit allen Nachwirkungen. So traf ich im letzten Jahr, als ich endlich wieder meine Literaturwerkstätten anbieten durfte, einen stotternden Jugendlichen. Ein Problem, welches er eigentlich schon vor Jahren überwunden hatte. Nun war es wieder da. Und er ist nicht der Ein- zige. Pädagog*innen berichten mir von Kindern, die nach Jahren wieder einnässen, von Jugendlichen mit überwundenen psychischen Probleme, die wieder auftauchen, Essstörungen etc.

Besagter stotternder Junge war im ersten Lockdown elf Wochen nicht an der frischen Luft. Er hat keine Gleichaltrigen gesehen. Aus Angst, sich mit dem Virus anzustecken. Das hatte er selbst entschieden. Noch Monate später, als er mir das erzählte, merkte man ihm die Angst an.

Auch jetzt, im zweiten Lockdown, gibt es Eltern, die eigentlich ein Anrecht auf eine Notbetreuung ihrer Kinder in den Schulen hätten und aus einer ähnlichen Angst darauf verzichten. Stattdessen setzen sie ihre Kinder lieber stundenlang vor den Fernseher oder die Playstation und verhindern so jeglichen Kon- takt. Auch das wird mir landauf, landab von Pädagog*innen erzählt. Wir brauchen uns nicht zu fragen, wer die Verlierer dieser Pandemie sein werden.

Irgendwann erreichte mich dann noch ein Notruf einer Förderschullehrerin. Einer Abschlussklasse wollte sie zum Abschied ein neues Buch schenken. Jeder sollte das gleiche Buch bekommen. Kostenpunkt knapp sieben Euro. In der Klassenkasse war seit langem Ebbe und die Eltern der Schüler*innen seit Monaten am Limit. Wir reden von einem neuen Buch, welches Schüler*innen zum Abschied ihrer Schullaufbahn als Erinnerung geschenkt bekommen sollten. Wenn man überlegt, was Abiturfeiern kosten oder so manche Abschiedsfahrt, kann man nur wütend werden über die Ratschläge, die einen so ereilten. Man solle das Buch doch kopieren oder gebrauchte Exemplare sammeln. Kurzerhand machten ein paar Autor*innen, Kinder und Journalist*innen in einem Kölner Park an zwei Tagen eine Benefizlesung. Und was war das Resultat? Es reichte noch für fünf andere Klassen. So geht Solidarität.

CORONA UND ARMUT

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3 Gedanken zu „CORONA UND ARMUT

  1. Danke Miri, dass du es ansprichst und ein Bewusstsein schaffst was wirklich passiert , aber keiner sehen will. Wenn alle einfach mehr zusammen halten macht das schonmal ein großen Unterschied, ja und dann die weltfremden Politiker noch weg Hexen würde so vielen Menschen wirklich helfen…!

  2. Wie Lobo heute im Spiegel schrieb: wir leben in einer Rentokratie und man muß wohl hinzufügen, daß es eine Rentokratie der Gutbetuchten ist. Das ist ja auch (noch) die Stammwählerschaft der CDU/CSU und in Teilen der SPD und eben deswegen haben wir eine solche Politik. Und freilich, weil die meisten unserer Abgeordneten und erst recht Minister mit nicht-berufspolitisch arbeitenden Menschen (also alles außer Lobbyisten, Mainstreamjournalisten und eben Politikern) überhaupt keinen Kontakt mehr haben und keine Ahnung vom realen Leben. Wie man sehen kann, sieht das auch bei den Grünen nicht anders aus – das schließe ich daraus, daß ich außer von der Schwefelpartei, der FDP und der LINKEN noch nichts dazu gehört habe, wie sehr dieser sinnlose Lockdown (inzwischen einer der längsten des Planeten) insbesondere Kinder und Jugendliche belastet und hier besonders die eher weniger gut betuchten, sowie die Behinderten (ich habe inzwischen schon öfter gehört, daß teils 2 oder 3 Jahre Therapie-Arbeit in den letzten 6 Monaten praktisch komplett verloren gegangen sind – ein absoluter Hohn, wenn man sich vergegenwärtigt, wie zuletzt noch „Inklusion“ überall ganz groß auf die Fahnen geschrieben wurde: offensichtlich alles nur PR. Und was das für die betroffenen Behinderten bedeuten muß, wie hart das für die sein muß, alles nochmal von vorne anfangen zu müßen, ich will es mir gar nicht vorstellen…).

    Wenn ich inzwischen mit anderen Menschen diskutiere und die dann irgendwann die (so nicht haltbare) Behauptung wiederholen, die Intensivstationen drohten vollzulaufen, dann entgegne ich inzwischen immer „Ja, das könnte sein, auch wenn das nicht so einfach zu belegen ist. Aber weißt Du, was gerade tatsächlich überläuft? Die Kinder- und Jugendpsychiatrien und die Kinderärzte, die soviele psychische Störungen diagnostizieren wie noch nie, teils bei 6jährigen schon Depressionen finden. Und weißt Du noch was? An dem offenbar nicht sehr häufig auftretenden Folgen eines „Long-Covid“ knabbert man vielleicht ein paar Monate oder Jahre. Von den heute geschädigten Kindern und Jugendlichen werden wir die Folgen noch in 20 oder 30 Jahren merken.“
    Was mich dabei zunehmend erstaunt: wenn ich das eher jüngeren Menschen erzähle (so 20-25 jährigen), dann läßt die das scheinbar ziemlich kalt: „Ja aber Du kannst ja die alten Leute nicht sterben laßen!“ (worauf ich manchmal entgegne: der Suizid aus Depression bei Jugendlichen ist also weniger schlimm oder wie?). Hingegen gerade Menschen mit eigenen Kindern oder aber solche, die beruflich mit Kindern zu tun haben, sind da schnell angefasst und stimmen mir weitesgehend zu, ebenso die älteren Semester. Allein, ich verstehe nicht, wieso nicht viel mehr Eltern gegen diese – man muß es so sagen – kinderhassende, kinderignorierende, kinderfeindliche und kinderschädigende Politik vorgehen. Sie gehen nicht auf die Straße für die Rechte ihrer Kinder, weiß Gott warum.

    Man sieht an der Missachtung insbesondere der psychischen Gesundheit (teils auch körperlichen, sichtbar etwa in der Zunahmen von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen) sehr schön, daß es um die Gesundheit „aller“ in diesem Staat ganz sicher nicht geht. Um was es geht, weiß ich auch nicht. Ich vermute schnöde Machtpolitik (Durchregieren, jetzt auch ohne Föderalismus und Verwaltungsgerichte) und natürlich um viel Geld (wie wir an den Maskendeals gesehen haben und wie wir demnächst sicherlich auch an „Schnelltest“-Deals erleben werden). Ein absolut irres Phänomen dieser ganzen Krise ist auch ein gewisse Umkehrung der Werte: war es noch vor bis nicht allzulanger Zeit durchaus bis in feinere Kreise en vouge, der „Pharmaindustrie“ nichts gutes zu wünschen und ihre Profitgier zu geißeln, ist sie auf einmal fast der neue Jesus Christus, den zu hinterfragen ein unverzeihliches Sakrileg darstellt. Wenn man auch nur leise andeuten wollte, bspw. die ganze Schnelltesterei könnte (!könnte!!) teilweise (!teilweise!!) auch eine Folge einer äußerst erfolgreichen Pharmalobby sein, weil die sich damit ja ne goldene Nase verdient, ist man schon direkt ein Querdenker und Rechtsradikal, VTler etc. Was vor 24 Monaten kaum ein Mensch, außer vielleicht Jens Spahn, bestritten hätte, nämlich daß die Pharmaindustrie eher eine geldgeile Drecks** ist, die ohne Skrupel im Zweifel auch über Leichen geht, das ist jetzt plötzlich nahezu unsagbar, ja fast undenkbar geworden. Oder wie wir jetzt eben alle unser aller Gesundheit retten, indem wir auf der Couch verfetten und uns nicht mehr bewegen, keinen Sport mehr machen, keinen Spaziergang nach 21.00Uhr und auf keinen Fall „auch mal wieder rauskommen, mal neue Menschen kennenlernen etc.pp.“. Eigentlich fehlt nur noch die Empfehlung, daß man mit dem Rauchen anfangen soll, weil das könnte vor dem Virus schützen und mit dem Alkohol, weil das gute Laune macht. Und gute Laune ist gut fürs Immunsystem!

    Ich kann mir diese schwierig nachvollziehbaren Phänomene nur noch mit Angst erklären, die bekanntlich nicht nur die Seele frisst, sondern auch große Teile des Verstandes. Offenbar sogar bei den allermeisten Eltern, die ihre Kinder zwar leiden sehen, sich aber in der Menge nicht im Stande sehen, für ihre Kinder auf die Straße zu gehen (was in Teilen auch für Lehrer zutrifft, die offenbar auch eher alles negative übersehen oder jedenfalls nicht öffentlich darüber zu reden sich trauen). Ich finde das alles nurmehr unverständlich und ich erkenne die meisten Menschen nicht mehr wieder. Ich hätte nie gedacht, daß die Mehrheit von 83 Millionen so hart auf Kinder und Jugendliche spuckt und daß so viele Menschen aus Angst so hart viel Leid übersehen, ja bereit sind, so viel Leid in Kauf zu nehmen für ein einziges Ziel, das zu erreichen dann auch noch den Kindern am allerwenigsten nutzt, während sie dafür von allen den höchsten Preis zahlen. Ich muß zugeben, mit jedem Tag, an dem die Eltern und auch die Lehrer (Sozialarbeiter etc.) weiterhin ihren Mund halten und die Folgen vielleicht nur hinter vorgehaltener Hand thematisieren, verachte ich dieses Land ein Stückchen mehr. Bezüglich der Medien ist mein Vertrauen schon länger aufgebraucht, denn solche eingangs erwähnten Artikel wie die vom Herrn Lobo findet man auch nur allerhöchstselten. Und ohne es nachrecherchiert zu haben gehe ich jede Wette ein, daß auch in der Tagesschau dazu bestenfalls einige wenige Male und dann auch nur stiefmütterlich dieses ganze Elend thematisiert wurde.

    Umso mehr danke an Sie, daß Sie dieses Thema hier behandeln. Ich fürchte nur, es wird kaum Gehör finden.

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