Ich bin ein Mädchen aus der Unterschicht, das in Löchern hauste und sich wochenlang von kalter Dosensuppe ernährte. Was macht das mit Menschen, wenn sie so leben? Ein Gastbeitrag.

    Von Mirijam Günther

    -Aktualisiert am 03.10.2022-18:29

Ich habe in einer solchen Armut gelebt, dass unser Kampf eigentlich schon mit dem Aufstehen begann. Zugegeben, das war, wenn das Arbeitsamt mich nicht gerade wieder in eine sinnlose Maßnahme steckte, erst um die Mittagszeit – aber das spielt ja keine Rolle. Ich lebte in Löchern, die sie mir, dem Mädchen aus der Unterschicht, als Wohnungen vermieteten. Warmwasser und Heizungen waren dort nicht vorhanden. Im Winter konnte es passieren, dass man aufwachte und die Bettdecke klamm war und die Wohnung nach Moder stank. Wir mussten zusehen, wo wir duschen konnten, damit fing der Tag an. Und ob es gerade Strom gab und wir uns Tee kochen konnten oder nicht, war offen.

Dass es keinen Strom gab, kam vor allen Dingen im Winter vor, weil wir versucht hatten, die Wohnungen mit Stromheizungen irgendwie warm zu bekommen, was nicht gelang. Und natürlich konnten wir die horrenden Rechnungen nicht bezahlen. Die Stromsperre folgte rasch. Es passierte, dass ich mich wochenlang von kalter Suppe aus der Dose ernährte. Selbst wenn es Strom gab, ernährten wir uns ungesund. Wir kauften Fleisch aus dem Billigdiscounter, das in der Pfanne schrumpfte, weil es zur Hälfte aus Wasser bestand.

Es gelang mir, irgendwoher eine Adidasjacke zu organisieren, mit der ich anderen und mir beweisen wollte, dass ich nicht ganz unten war. Sie gab mir diese Gewissheit. Bis heute kann ich Menschen verstehen, die sich Markenklamotten kaufen, um sich ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Bis heute kann ich nur schwer bestimmte Sprüche verstehen, etwa den, dass die Nahrungsmittel von den Billigmarken doch genauso schmeckten wie die guten Fabrikate. So schmecken sie für mich niemals. Sie schmecken für mich bis heute nach Armut, Angst und Unsicherheit.

Wir fuhren immer schwarz und wurden natürlich oft erwischt. Fahrräder hatten wir keine. Wir konnten sie uns erstens nicht leisten, und zweitens wurden sie uns ohnehin geklaut. Wir waren so in unserer Armut gefangen, dass wir mit nichts anderem beschäftigt waren, als unser Leben halbwegs zu organisieren. Da hätte vor unserer Haustür eine Schnellstraße gebaut werden können oder ein achtundzwanzigstöckiges Einkaufszentrum, es hätte uns nicht interessiert. Wir waren perspektivlos und sahen keine Chance auf ein besseres Leben. Irgendwie hatten wir uns mit unserem Schicksal abgefunden, das wir allerdings mangels Alternative nicht als Schicksal sahen, da wir gar keine Menschen aus anderen Schichten kannten. Uns war klar, dass uns die Mehrheitsgesellschaft als „Assis“ sah, Menschen ohne Chance. Und dass wir darauf angeblich stolz wären.

Nudeln als Ersatz für Chips, 19 Cent

Wir trugen Klamotten mit Löchern, und unsere Strümpfe waren ständig nass, weil die Billigschuhe, die wir trugen, Löcher hatten oder die Sohle abfiel. Unsere Billigjacken hielten den Regen nicht ab, und durch die schlechten Nähte blies der Wind, sodass uns immer kalt war. Wir aßen trockene chinesische Yum-Yum-Nudeln als Chipsersatz, neunzehn Cent sind auch heute einfach unschlagbar. Eine Köstlichkeit, die meine Teilnehmer aus den Literaturwerkstätten, die ich seit fünfzehn Jahren für benachteiligte junge Menschen im deutschsprachigen Raum anbiete, bis heute kennen.

Die Teilnehmer aus meinen Literaturwerkstätten kommen größtenteils aus denselben ärmlichen Verhältnissen wie ich. Und so drückte ich einem Jungen, der am ersten Tag meiner Literaturwerkstatt über Kopfschmerzen und Schwindel klagte, mein Käsebrötchen in die Hand. Für alle anderen stellte ich Möhren, Tomaten und eine große Dose arabische Nussmischung hin. Jeden Tag (und in fast jeder Literaturwerkstatt) wiederholte ich dieses Ritual.

Und siehe da, die Kopfschmerzen waren weg, und die Gruppe war herzlich und schrieb tolle Texte. Gegen Ende des Monats war in den Familien die Geldbörse so leer wie der Kühlschrank. Die Schulspeisung war zu teuer, aber da die Schüler sich, wie ich damals auch, ihrer Armut schämten, erzählten sie, dass das Essen so schlecht in der Schule sei und sie deshalb darauf verzichteten.

Wenn ich diese Sprüche höre, dass niemand sich seiner Armut schämen müsse, werde ich richtig sauer. Das können nur Leute behaupten, die nie arm waren. „Habt ihr die Kinder auf einen Kakao eingeladen?“, frage ich zwei Erwachsene, die mich kurz in meiner Literaturwerkstatt besucht hatten und mit den Kindern in der Stadt waren. „Nein, wir haben gefragt, aber sie wollten nicht.“ – „So etwas fragt man nicht, man macht es einfach.“

Hier hat keiner ein Fahrrad, zu teuer

Als ich ein paar Wochen später, nach dem vierten Tag einer Literaturwerkstatt, die vier Jungs, die unbedingt mit mir in ihrer Freizeit einen Ausflug machen wollten, frage, ob wir die Tour auch mit dem Fahrrad machen können, schweigen sie und haben auf einmal keine Zeit mehr. Ich schäme mich für meine dumme Frage. „Quatsch“, sage ich schnell, „es ist ja viel zu kalt zum Fahrradfahren, wir gehen lieber schnell zu Fuß, da wird uns warm.“ Auf dem Weg zu unserem Ausflugsziel erzählen mir die Jungs: „Hier hat keiner ein Fahrrad, die sind zu teuer, und wenn es tatsächlich eins gibt, dann werden die kaputt getreten oder geklaut.“

„Ich hasse es, arm zu sein, es ist das Schlimmste auf der Welt. Arm zu sein ist wie ein Spinne, die nichts fängt und in ihrem leeren Netz wartet und wartet“, schreibt eine Jugendliche in einer Jugendarrestanstalt, in der ich meine Literaturwerkstatt abhalte.

Rauchen bekämpft den Hunger und beruhigt die Nerven

„Das Schlimmste ist, dass niemand hilft und es keiner wissen darf.“ Ja, es ist furchtbar. Wer noch nie bei einer Tafel oder bei einer Essensausgabe gestanden hat, weiß nicht, wie ernie­drigend dieses Gefühl ist. Ich habe das früher immer versucht zu vermeiden und habe lieber Hunger gehabt, außerdem habe ich mich geekelt. Wenn es ganz schlimm wurde, haben wir uns Knastzigaretten gedreht, das heißt, wir haben alte Zigarettenstummel aufgebröselt und daraus neue Zigaretten gedreht. Jetzt hör ich wieder Leute schimpfen: Statt sich um ihr Leben zu kümmern, rauchen sie und sitzen vor der Glotze. Ich habe nie einen Fernseher besessen – und Rauchen bekämpfte den Hunger und beruhigte die Nerven.

Wenn ich ehrlich bin, wusste ich damals gar nicht, dass es Stellen gibt, die helfen. Auch das berichten mir Teilnehmer in meinen Workshops. Staatliche Institutionen haben mir damals Angst eingejagt, wie der Gang zum Briefkasten.

„Mein Vater hat Angst, dass uns das Leben im Winter um die Ohren fliegt“, berichtet mir ein Mädchen auf einem Spaziergang kurz vor den Ferien, die für sie bedeuten, zu Hause sein zu müssen. Was der Vater damit meint? Dass er jetzt schon darum betet, dass keine Rechnung im Briefkasten liegt, dass die Füße des kleinen Bruders nicht so schnell wachsen mögen, dass bitte kein Gerät zu Hause kaputtgehen möge.

Da schaudert es einen, wenn man an den Winter denkt. Da ist in den Ferien nicht an Pizza zu denken, nicht an einen Zoobesuch, von Urlaub ganz zu schweigen. In der Provinz gibt es kaum Angebote kostenloser Aktivitäten. Ich lese von Politikern, die dazu auffordern, den Gürtel enger zu schnallen, weniger oder kalt zu duschen, Waschlappen zu benutzen, weniger zu heizen, und frage mich, ob einer dieser Menschen, die das fordern, annähernd erfahren hat, was es heißt, arm zu sein?

Während ich das schreibe, überkommt mich wie damals eine hilflose Traurigkeit. Ich konnte in die Literatur und in die katholische Kirche fliehen. Das hat mich von vielen Schicksalsgenossen unterschieden. Wegen dieses Unterschieds begegneten mir gute Katholiken und hilfsbereite Kommunisten. So groß war der Unterschied nicht.

Mirijam Günter wuchs als Findelkind auf. Ihr Geburtsdatum kennt sie nicht. Heute lebt sie als Autorin in Köln und leitet außerdem Literaturwerkstätten in Jugendgefängnissen sowie Förder- und Hauptschulen.

Quelle: F.A.Z.

„Arm zu sein ist wie eine Spinne im Netz, die nichts fängt“

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