Wer in sozialer Armut aufwächst, hat es in Deutschland schwer, aufzusteigen und dazuzugehören. Das Gefühl des Fremdseins hat Mirijam Günter immer noch.

Von Mirijam Günter

An einem Abend, nach einem Seminar über Kunst, treffe ich mich in einer Gaststätte mit einigen anderen Teilnehmern. Sie erzählen von ihrer Zeit auf dem Gymnasium, einige von ihrem ersten Studiengang, irgendwann trifft es mich, die bisher geschwiegen hat. Mich, über die sie sich bisher schon gewundert haben, da ich doch in einer Zimmermannshose herumlaufe.
„Und, hast du auch schon etwas studiert?“

„Nein, ich habe gar kein Abitur.“

„Echt nicht? Krass! Bist du früher vom Gymnasium runter und hast
Fachabitur?“

„Nein, ich war gar nicht auf dem Gymnasium.“
Fragende Blicke. „Warst du im Internat?“

„Nein, ich war auf der Hauptschule.“
Da stockt das Gespräch. Wie soll man sich bloß mit einer
ehemaligen Hauptschülerin unterhalten?

„Was liest du denn so?“

„Konkret und die Kirchenzeitung.“ Zweifelnde Blicke, aber kein Kommentar.

„Verstehst du denn alles, was im Seminar besprochen wird?“, möchte eine aus der Runde wissen.

„Ja, das glaube ich, ihr habt ja wahrscheinlich in der Schule nur gelernt, wie man Anträge fürs Amt ausfüllt“, kommt ein Statement vom Ende des Tisches. Ich frage mich, warum ich nicht den Tisch umschmeiße und gehe.
Stattdessen: „Nein, ich verstehe nicht alles, was in dem Seminar erzählt wird, aber dafür wisst ihr nicht, was Wirtschaftsliberalismus ist.“ Das hatten sie mich am Nachmittag gefragt.

Ein paar Tage später erfahre ich, dass sich einige aus der Runde beim Leiter des Seminars erkundigt haben, warum ich so komisch sei. Sie waren nicht nur darüber verwundert, dass ich in seltsamer Kleidung und oft alleine herumlief, sondern auch darüber, dass ich frühmorgens, als mich der Seminarleiter etwas fragte, antwortete, dass ich, wenn ich um diese Uhrzeit Fragen beantworten wollte, Bauarbeiterin und nicht Schriftstellerin geworden wäre. Insgesamt war ich schon ein komischer Mensch. Warum nur? Das liege daran, so der Leiter, dass ich im Heim aufgewachsen sei. Warum mich keiner selbst darauf angesprochen hat? Man hört ja so einiges. Wer weiß, wie die ehemalige Hauptschülerin reagiert hätte?

In der bürgerlichen Gesellschaft wird viel über Chancengleichheit geredet, aber wenn dann tatsächlich der Aufsteiger neben einem im Seminar sitzt, einer, der nicht bildungsbürgerlich aufgewachsen ist, der sich vielleicht anders verhält, weil er diese ganzen Codes nicht kennt, lässt man ihn spüren, dass er nicht dazugehört. Da reicht es manchmal schon, wenn man ihn einfach nicht in Regeln einweiht, und schon ist der Aufsteiger aufgeschmissen. Wenn ich mit Museumsbesuchen, Lesungen, Konzerten groß geworden bin, dann habe ich andere Voraussetzungen als ein Jugendlicher, der ständig mit Geldsorgen in seiner Familie konfrontiert ist. All das, was man als junger Mensch nicht hatte, holt man nicht mal eben als Erwachsener nach. Selbst wenn man den Aufstieg geschafft hat, weil man einen guten Job hat oder ein sicheres Auskommen, fühlt man sich fremd. Fragen hat man, die man nicht stellt. Warum schauen alle auf dieses Bild, das einem gar nichts sagen will, warum lauschen alle diesen Zeilen, die keinen Sinn ergeben?

In Deutschland bleiben die Schichten unter sich. Selbst wenn es jemanden im meinem Umfeld gibt, der mir diese völlig fremde Welt zeigt, stellt sich die Frage: Hat das alles etwas mit meinem Leben zu tun? Vieles von dem, was ich weiß und kann, hat mit Bildung zu tun, und diese hängt immer noch mit der sozialen Herkunft zusammen. Das hat Pierre Bourdieu schon vor mehr als dreißig Jahren festgestellt. Dass sich daran nichts geändert hat, muss man als Niederlage sehen.

„Genau, dafür solltest du kämpfen“
Ich veranstalte seit zehn Jahren Literaturwerkstätten in Förder- und Hauptschulen. Mindestens die Hälfte der Schüler, die dort teilnehmen, würden diese Schulen nicht besuchen, wenn sie aus Familien mit akademischem Hintergrund stammen würden. Dasselbe sage ich auch über die Insassen in den Arrest- und Jugendhaftanstalten. Wenn mir also der Aufstieg in eine mir völlig fremde Welt gelingt, muss ich damit klarkommen, dass ich ziemlich alleine dastehe. Aufsteiger gibt es nicht so viele. Im Bildungsbürgertum kann sich keiner in meine Lage hineinversetzen. Ich muss mich an Menschen gewöhnen, die eine andere Sprache sprechen und aus einer anderen Welt kommen. Selbst wenn man es geschafft hat, wird einem Jahre später noch zu verstehen gegeben, dass man niemals dazugehören wird.

Man darf auch nicht vergessen, dass man die Welt, aus der man kommt, liebt und die Menschen dort ebenfalls mit diesem Aufstieg zurechtkommen müssen. Das ist nicht so einfach, wie mir ein Akademiker aus einfachen Verhältnissen berichtete: „Nach der zweiten Woche an der Uni war ich nur noch der Herr Professor. Ich weiß, dass sie zu Hause wahnsinnig stolz auf mich waren, aber sie kamen nicht klar mit der Situation. Selbst heute noch guckt mich meine Mutter ängstlich an, so als könnte sie mich völlig an eine ihr fremde Welt verlieren.“

Dass die, die vermeintlich unten sind, hochkommen, das möchte man lieber nicht, auch wenn man in akademisch-bürgerlichen Kreisen viel darüber redet. Das spürt man an so manch einer Arroganz, die einem begegnet. Da werden einem ungefragt Fremdwörter übersetzt, da werden Zweifel an Aussagen getätigt, weil man ja bestimmte Dinge (gesellschaftlich-politische) mit seiner Biografie gar nicht wissen kann. Tatsächlich gibt es immer wieder Situationen, in denen man sich für seinen Werdegang rechtfertigen muss, man bekommt die Frage gestellt, ob es nicht besser für einen gewesen wäre, man hätte einen einfachen Beruf gelernt. Oft wird man in eine Rechtfertigungsposition gedrängt, was mich als Romantikerin regelmäßig erschüttert.

Fasziniert ist man aber doch sehr von diesen Menschen. Dann schreibt man Geschichten über die da unten, denen anzumerken ist, dass der Autor nie einem dieser Menschen auf Augenhöhe begegnet ist, man äfft die Sprache nach, die Chancenlosigkeit bedeutet, man kopiert die Klamotten und kommt sich verwegen vor. Manchmal möchte man die da unten auch mal sehen und begibt sich in die Parallelwelt, was nicht immer gut geht.

Um eine meiner Literaturwerkstätten über einen bestimmten Träger zu finanzieren, musste ich eine Fortbildung besuchen. In einem Seminar ging es um die Probleme, die einem bei solchen Projekten begegnen. „Ich weiß gar nicht, was los ist“, berichtete eine Teilnehmerin, „wir haben uns so eine Mühe gegeben. Meine Freundin – okay, sie spricht kein Wort Deutsch – und ich. Wir wollten ein Theaterprojekt an einer Hauptschule in einem sozialen Brennpunkt durchführen. Wir wollten, dass nur fünfzehnjährige Jungen daran teilnehmen. Dann haben wir gesagt, die erste Übung ist: Geht zu zweit nach vorne, und umarmt euch. Und dann haben die Jugendlichen gesagt: Wir sind doch nicht schwul.“ Die Dame ist verzweifelt. Das Seminar ist still. Irgendwann sage ich: „Das hast du dir doch gerade ausgedacht!“ Sie schüttelt den Kopf. „Mit dieser Übung wärst du auch am Gymnasium gescheitert. Das kannst du doch nicht von pubertierenden Jungen erwarten“, erkläre ich, und sie schaut nicht mehr ganz so verzweifelt.

Und die Betroffenen? Sie erzählen mir von den Personen, die versprochen haben, Kontakt zu halten. Und sie sitzen und warten und warten, und ich sehe ihre Wut. In einer Literaturwerkstatt an einem vergessenen Ort verteile ich Tagebücher und erkläre, dass wir nun jeden Tag darin schreiben werden. Jemand hat die Bücher gespendet. Es herrscht Stille, bis ein Schüler fragt: „Hast du die geklaut?“ Ehrfürchtig streichen die Kinder über die Bücher. Selbst am dritten Tag bekomme ich einige noch nicht dazu, in das Buch hineinzuschreiben.

Wenn selbst das Geld für Kopien fehlt, dann fehlt es auch für Ausflüge, für Kunst, für alles, was für andere selbstverständlich ist. Selbst wenn es Ermäßigungen gibt, ist es für Eltern im Niedriglohnsektor nicht möglich, drei Kinder auf Klassenfahrt zu schicken. Und es ist nicht so, dass die Kinder nicht merken, dass sie Dinge nicht haben, die für andere selbstverständlich sind. Aber was sollen Kinder denken, wenn sie sehen, dass es anderen Kindern an nichts mangelt? Was bedeutet es für unser demokratisches und gesellschaftliches Zusammenleben, wenn sich ein Teil der Gesellschaft nicht beachtet fühlt?

Bei einer Lesung erzähle ich Schülern, wie ich Schriftstellerin geworden bin, und erkläre, dass man für seine Ziele und Träume kämpfen muss.
„Soll ich dafür kämpfen, dass ich einen Abschluss schaffe und eine Ausbildung, obwohl alle sagen, dass ich dumm bin und das nicht packe?“, fragt ein Schüler.

„Genau, dafür solltest du kämpfen.“

„Jetzt erzählen Sie doch den Schülern nicht so einen Unsinn, die glauben das nachher noch“, weist mich eine anwesende Lehrerin zurecht.

„Die Mirijam erzählt keinen Unsinn, die hat nämlich gekämpft und hat das nicht vergessen, und ich werde auch kämpfen“, entgegnet ihr der Schüler. Da fällt der verblüfften Lehrerin nichts mehr ein.

„Und ich sehe ihre Wut“

Beitragsnavigation